Militärhistorische Exkursion an die Maginot-Linie

Erstmals in der Geschichte des Vereins Festungsgürtel Kreuzlingen wagte man sich an die Durchführung einer zweitägigen Exkursion. Würden genügend Interessenten für ein solches Unternehmen in den Reihen des Festungsvereins gefunden werden? Überstieg die Planung einer solchen Reise und deren Durchführung nicht die Kräfte eines Vorstandes, der sonst schon ein gerüttet Mass an Freiwilligenarbeit verrichtet? Die Antwort war nach der planmässigen Rückkehr am Sonntag, den 25. September, gegeben: Unter der bewährten Leitung von Urs Ehrbar und seinem kleinen Stab von Getreuen erlebten die 50 Teilnehmer eine minutiös vorbereitete Exkursion, die all meine Erwartungen übertrafen.

In aller Herrgottsfrühe (05.45 Uhr) traf sich am Samstag, den 24.9.16 eine illustre und reisefreudige Gruppe vor dem Gemeindehaus in Bottighofen. Der wohl organisierte Gepäckverlad verlief problemlos und so konnte Urs Ehrbar pünktlich und sichtlich erleichtert das Signal zum Aufbruch geben.

Der Car der Firma Hans Leugger war bis auf einen  Platz voll und wurde vom Chef persönlich gefahren. Die Zeit war günstig und so verlief die Reise durch alle einschlägigen Engpässe reibungslos.

Ein erster Halt nach der Grenze in Richtung Strasbourg bot Gelegenheit, die Beine zu vertreten und ein von der Crew offeriertes delikates Sandwich mit Getränk nach freier Wahl zu genehmigen. Wieder im Car, schilderte Urs Ehrbar prägnant die Vorgeschichte zum 1. Weltkrieg; das Ränkespiel Bismarcks im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 und seinem verhängnisvollen Friedensschluss in Versailles. Nebst der Schmach der Kaiserkrönung Wilhelm I. im Schloss Versailles musste Frankreich Elsass-Lothringen abtreten. Nur so verstehen wir, dass das Fort Mutzig eigentlich eine deutsche Festung war wie es der Beiname auch verrät: Feste Kaiser Wilhelm II.

Diese gigantische Festung wurde nach den modernsten Erkenntnissen während der unglaublich langen Zeit von 1893 bis 1918 gebaut und ausgebaut. Sie umfasste ein Gebiet von 254 Hektaren mit 50 befestigten Gebäuden. Ihre Abschreckung erreichte sie durch 22 schwere Kanonen. Nach dem ersten Weltkrieg geriet die Festung wieder unter französische Kontrolle und wurde in die Maginot-Linie integriert. Heute wird diese Festung von einer freundnachbarlich deutsch-französischen Gruppe finanziert und unterhalten, und so der Nachwelt zur Anschauung der Kriegswirklichkeit aber auch zu deren Überwindung erhalten.

Nach 2 ½ Stunden hatten wir, aufgeteilt in 3 Gruppen, natürlich noch lange nicht alles gesehen, aber die nächste Festung wartete auf uns, und dazwischen wollten wir doch noch das Mittagessen einnehmen.

Nach einer stündigen Carfahrt erreichten wir Schoenenbourg mit der gleichnamigen Festung. Hier handelt es sich um die besterhalten Artilleriefestung innerhalb der Maginot-Linie. Sie ist fast von schauriger Grossartigkeit und sprengt alle Vorstellungen. Wieder werden wir in 3 Gruppen aufgeteilt und von engagierten Kennern der Anlage geführt. Die Länge des Rundganges in 30 m Tiefe ist sagenhafte 2800 m. Ihr Eingang liegt in der Deckung eines Waldes, eigentlich ist es die Einfahrt für den Munitionszug. Seine Mächtigkeit erhellen uns folgende Angaben: Über 3000 Bomben und Granaten schlagen im Fort Schoenenbourg ein, mehr als in jeder anderen Festung der Maginotlinie. Die deutsche Artillerie schoss mit ihrem schwersten Geschütz mit einem Kaliber von 42 cm. Von diesem 100 t schweren Skoda-Mörser schlagen 56 Granaten im Werk ein, von denen jede über eine Tonne wiegt! Dazu folgen sieben Wellen von Stukas, die 160 Tonnen Bomben abwerfen.

Trotz aller Einschläge nimmt die Festung kaum gravierende Schäden und im Gegenzug werden aus der Festung 17‘000 Granaten auf die Angreifer geschossen. Geknackt wurde die Festung nicht, sie musste aber nach der Kapitulation Frankreichs im Juni 1940 an die Deutschen übergeben werden.

Im Innern treffen wir in jedem der verschiedensten Dienst-Einrichtungen ausgeklügelte Techniken und Materialien. So überrascht zum Beispiel die Küche, grosszügig konzipiert mit modernsten Kochstellen, Kühlräumen und eine stattliche Kaffeemaschine! Kartoffelschälmaschine oder Teigknetmaschine gehört ebenfalls dazu. Ablüftung und Stromversorgung wie auch Frischluftzufuhr und Frischwasserversorgung  wurden ebenso genial und grosszügig gelöst. Dem Wohlbefinden der Truppe wurde offensichtlich grosse Bedeutung beigemessen.

Das Herzstück einer jeden Festung sind ihre Waffen. Das Werk verfügte über verschiedene Kanonen und Granatwerfer. Imposant ist die ausfahrbare 7,5 cm Zwillingskanone. Die Stahlkuppel mit Geschütz mussten angehoben werden, ein Ungetüm von 130 t. Die Technik aber ist so ausgeklügelt, dass sie von 2 Mann spielend gehoben und versenkt werden kann.

Übrigens, eine Büste im Innern der Festung erinnert an den Mann, der der Verteidigungslinie den Namen gegeben hat: Kriegsminister André Maginot. Er selbst hat die Maginot-Linie nicht mehr gesehen, starb er doch bereits 1932.

Nach so einer spannenden Tour in die Vergangenheit spürt man den Wunsch nach Ruhe und Stärkung.

Der Bus führte uns durch eine unbekannte, aber wunderschöne Gegend zum Nachtquartier in Neubronn. Noch nie gehört, aber wirklich eine hübsche Stadt mit guten Hotels. Die währschafte Verpflegung genossen alle im Hotel Bristol; zum Schlafen aber waren wir auf zwei weitere Hotels in der Nähe verteilt. Am andern Tage wurde gemunkelt, dass nicht alle in ihrem angestammten Bette schlafen konnten, weil sie ohne Schlüssel vor die verschlossene Hoteltüre weit nach Mitternacht gekommen seien. Soweit die Gerüchte.

Sonntag; Morgenessen ab 07.00 Uhr und – einmal mehr – pünktliche Abfahrt um 08.15 Uhr nach Fort Casso. Konnte das Infanteriewerk neben den bereits besuchten Festungen bestehen? Es sei vorweggenommen; ja! und für manche war es gar der Höhepunkt der Reise.

Das Fort Casso wurde in den Jahren 1934 bis 1938 förmlich aus dem Boden gestampft. 6000 m3 Beton und 500 Tonnen Stahl wurden verbaut. Alle Erfahrungen aus dem Festungs- und Bergbau flossen in dieses Werk ein. Bei den Kriegstechnischen Geräten scheute man sich nicht, Bewährtes aus der Marine auch in die Festung zu übernehmen, sei es die Idee der Hängematten oder bei den Kanonen. Das Werk verfügte über 32 Maschinengewehre und 8 Panzerabwehr-Kanonen. Drei sternförmig angeordnete Geschützbunker wurden an leicht erhöhter und strategisch ideal gelegener Lage so angelegt und mit Gängen in 30 m Tiefe verbunden, dass sie oberirdisch wie unterirdisch kommunizieren konnten.  170 Mann konnten die Festung betreiben. Das Werk stand im 2. Weltkrieg nur vom 21. – 24. Mai 1940 in der Bewährung. Das Fort verteidigte sich erfolgreich, auch dank der Feuerunterstützung durch die 75 mm Kanonen von Fort Simsenhof.

Die drei älteren Herren, perfekt zweisprachig, führten uns mit grossem Enthusiasmus. Sie führen nicht nur vortrefflich, sie helfen auch handfest bei der Pflege der Anlage. Auch in dieser Hinsicht war es für alle Teilnehmer aus unserer Gruppe, die bei uns immer wieder Hand anlegen, eine grosse Genugtuung und Ansporn zugleich, die Früchte solcher Arbeit zu sehen. Auf jeden Fall gab der Besuch des Fort Casso auf der Fahrt zum Titisee Gesprächsstoff genug. Es war ein grossartiges, ja überwältigendes Erlebnis und wird für manchen Anstoss zu einer Rückkehr mit seiner Familie sein.

Ende September 2016,  Erwin Hilpert

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